Traumatisierung und Verwahrlosung
Wie kann psa. Sozialarbeit helfen?

18. Fachtagung des Vereins für psychoanalytische Sozialarbeit Tübingen

Fr, 11. Nov. - So, 13. Nov. 2016
Rottenburg am Neckar

11. November 2016

Traumatisierung und Verwahrlosung
Wie kann Psychoanalytische Sozialarbeit helfen?

Aus verschiedenen Quellen gespeist taucht das Wort „Trauma“
heute bis in die Umgangssprache hinein immer häufiger auf. Gibt
es Tendenzen einer Inflation des Traumabegriffs? Leben wir in
einem Zeitalter der Traumata? Oder werden wir nur sensibler für
ihre Wahrnehmung? Entstehen heute vielleicht mehr Traumata im
Sinne nicht verarbeitbarer Inschriften in die Seele, weil die seelische
Entwicklung des Menschen mit der Entwicklungsgeschwindigkeit
des Kapitalismus und der Technik nicht mehr Schritt hält?
Sind dadurch die Resilienz-Faktoren des Menschen geschwächt?

Es liegt in der Natur des Menschen Schmerz und Mangel begegnen
und diese verarbeiten zu müssen. Das Leben beginnt mit dem
„Trauma der Geburt“ (Otto Rank), das durch keine besänftigende
Geburtstechnik vermieden werden kann und die Schmerzen hören
auch danach nicht wieder auf. Die Tatsache von Schmerz und
Mangel ist – wenn es gut geht – der Motor der menschlichen Entwicklung.
Traumatisierend ist nicht das reale, äußere Ereignis an
sich sondern die Tatsache einer nicht-gelingenden Integration und
Verarbeitung eines (von außen oder auch von „innen“ kommenden)
Ereignisses im „Psychischen Apparat“ (Sigmund Freud).

Die Inflation des Traumabegriffs hat Folgen auch auf die Arbeitsfelder
von Sozialarbeitern, Lehrern und Therapeuten. Immer häufiger
fragen Eltern wie Professionelle bei unserem Verein an: "Bieten
Sie auch Traumatherapie an?" Auf diese Frage können wir nur
sehr differenziert antworten: Was kann „Traumatherapie“ sein
angesichts sehr unterschiedlicher Traumata? Eine Traumatisierung
aufgrund von Krieg und Folter muss anders behandelt werden
als andere Traumata. Für uns ist es auch eine Frage, inwieweit
Traumapädagogik und - Traumatherapie wissbar und lehrbar sind?
Wissen dient immer auch der eigenen Angstabwehr. In der Arbeit
mit traumatisierten Menschen braucht es aber auch oft Offenheit,
Nicht-Wissen und ein Erdulden ohne allzu viel gezielt wirkende
Interventionsmöglichkeiten. Allen unterschiedlichen Behandlungserfordernissen
bei verschiedenen Formen von Traumata gemeinsam
scheint uns die ausdauernde, nicht-enttäuschbare Arbeit mit
Übertragung und Gegenübertragung. Denn traumatisierte Menschen
sind nicht nur dankbar für unsere Hilfe und Therapie. Oft
bringen sie uns Helfer in aussichtslose, ohnmächtig und perspektivlos
machende und damit uns potentiell traumatisierende Situationen,
sie verweigern und attackieren alle Angebote, lassen sie vielfach
scheitern, bis sie aus allen sozialen Zusammenhängen herausfallen.

Das Nachdenken über diese Aspekte hat uns dazu gebracht, den
etwas veraltet wirkenden und heute nur noch umgangssprachlich
und nicht mehr professionell und/oder diagnostisch gebrauchten
Begriff der "Verwahrlosung", der zudem meist mit pejorativer Konnotation
gehört wird, in den Tagungstitel mit aufzunehmen - und
nicht seine modernen Umformungen "Dissozialität", "Antisozialität",
"abweichendes" oder gar "originelles Verhalten". Über 90 Jahre
nach dem Erscheinen von August Aichhorns Buch "Verwahrloste
Jugend" im Jahre 1925, das als Gründungstext der Psychoanalytischen
Sozialarbeit gelten kann, scheint uns eine Rückbesinnung
auf diese Tradition angezeigt.

Der Begriff „Trauma“ ist in der Psychoanalyse schon älter als der
Verwahrlosungsbegriff. Was sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede
von Trauma und Verwahrlosung? Gemeinsam ist beiden
Konzepten der Aspekt der Wiederholung, die bei Trauma wie Verwahrlosung oftmals in ein Agieren und in einen äußeren, intersubjektiven Konflikt, und nicht in einen inneren, neurotischen Konflikt
mündet. Unter anderem deshalb hat August Aichhorn davon gesprochen,
dass Verwahrlosung nicht durch Psychoanalyse zu behandeln
ist, sondern in erster Linie durch Nacherziehung mit psychoanalytischem
Verständnis. Also nicht nur durch Sprechen und Hören, sondern durch Erleben und neue Erfahrungen. Erst wenn die Verwahrlosung bewältigt ist, macht nach Aichhorn die psychoanalytische Therapie einen Sinn.

Traumatisierte Menschen werden tendenziell eher als Opfer wahrgenommen. Wenn sie aber auch zu Tätern werden, wie reagiert
dann die Gesellschaft darauf? Sind die Traumatisierten die guten
Opfer und die Verwahrlosten die bösen Täter? Die Wiederholung
und Umkehrung des passiv erlittenen Überwältigt-Werdens und
Hilflos-Seins in aktives Zufügen - gegen sich selbst und/oder den
Anderen - ist ein zentraler Mechanismus des Menschlichen. Auch
bei den Helfern, und sogar bei den Institutionen der sozialen Hilfesysteme.
Hilflosigkeit ist schwer erträglich und muss deshalb abgewehrt
werden.

Wie immer haben wir uns bei der Auswahl des Tagungsthemas
durch die Fragen und Anforderungen aus unserer täglichen Praxis
leiten lassen. Unter unseren Klienten sind viele traumatisierte Menschen.
Und auch verwahrloste, je nachdem, wie man den Begriff
versteht.

Es begegnen uns in unserer Arbeit einerseits Fälle manifester Verwahrlosung im Sinne sozial randständiger Familien mit oft generationsübergreifend wirksamer Armut, Gewalt, manifestem Missbrauch, Vernachlässigung, Beziehungs- und Bindungsstörungen.

Immer häufiger begegnen uns andererseits auch junge Menschen
und Familien, bei denen uns das Wort "Wohlstandsverwahrlosung"
einfällt: bei nie in Frage stehender materieller Versorgung mit Wohnung,
Kleidung, Essen, Internet und Handy geht das Bewusstsein
darüber verloren, daß diese Dinge Produkte menschlicher Arbeit
sind. Man hält den Gedanken für abwegig, es könnte an etwas
fehlen, und man könnte genötigt sein, außer passivem Warten oder
aktivem Einfordern etwas für die Erscheinung dieser Dinge zu tun.
Oft gibt es kein rekonstruierbares Trauma, kein subjektives Leiden
und folglich auch kein Begehren. Daraus resultiert fehlende Therapie
- oder Veränderungsbereitschaft im Sinne von Schmerz- und
Anstrengungs-Toleranz. Es bleibt nur der Anspruch, dass die Dinge
jederzeit da zu sein haben, der mit aktiver oder passiver Gewalt
durchgesetzt wird. Jede Arbeit, jede Beziehung und jede Anforderung
des Denkens und Spürens/Erlebens wird gemieden. Bewirkt
hier der Mangel an Mangelerfahrung und die omnipräsente Verfügbarkeit
(realer und virtueller) Objekte eine Verwahrlosung und Traumatisierung
im Sinne eines Vermeidens von potentiell schmerzhaften
Beziehungserfahrungen?

Welche Formen der Traumatisierung und der Verwahrlosung können
mit psychoanalytischer Therapie, welche müssen mit Sozialarbeit
und Pädagogik behandelt werden?

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